Führer für die Beginenhöfe in Gent

Die westeuropäische Christenheit des 12. und 13. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch zahllose neuen religiösen Bewegungen, die sich absetzten gegen Mißstände und gegen den sittlichen Verfall, um vielmehr einer einfachen und nüchternen Lebensführung nachzustreben. In diesen Zusammenhang muß die Geburt der Beginenbewegung zurückgefürht werden. Im Ursprung waren die Beginen fromme Frauen die hierher und dorthin in der Stadt lebten und sich oft verdienstvoll machten in der Krankenpflege. Im Jahre 1216 bekamen sie die Erlaubnis sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen. So entstanden die Beginenhöfe als ein typisch städtisches Phänomen. Neben rein religiösen Beweggrunden, wurden das Entstehen und das Aufblühen der Beginenbewegung auch von sozialen und ökonomischen Faktoren beeinflußt.

Die Lebensweise der Beginen war an erster Stelle religiös geprägt. Neben Kirchendienst und gemeinschaftlichem oder individuellem Gebet, spielen auch fromme Andacht und Heiligenverehrung eine große Rolle. Mystische Erfahrungen beherrschten das seelische Leben vieler Beginen. In diesem Zusammenhang muß der große Anteil erwähnt werden den Hadeweych und Beatrijs van Nazareth im 13. Jahrhundert hatten in der Minnenmystik in der Volkssprache. Die Beginen legten keine Geglübde der Armut ab und konnten demnach weiterhin über ihr persönliches Besitzdum verfügen. Um ihre Lebensbedürfnisse zu decken beschäftigen die sich oft mit Handarbeiten für das Textilgewerbe (Spinnen, Weben, Leinwandbleiche). Später verlegten sie sich haupsächlich auf Näh-, Stick- und Spitzenarbeit.

Jeder Beginenhof widerspiegelt ganz klar die Lebensweise dieser frommen Frauen. Eine Umwallung oder ein Umzäunungsmauer umhegte den Hof, der häufig am Rande der eigentlichen Stadt gelegen ist. Der Beginenhof umfasst weiter sämtliche kleinen Plätze und Gassen, wo entlang die Gebäude und die Grünräume sich gliedern. Zentral steht in jedem Hof die Kirche. In der Umgebung ist stets die Infirmerie gebaut. In größeren Beginenhofen verfügt die Infirmerie über eine eigene Kapelle. Unmittelbar in der Nähe der Infrimerie befindet sich in der Regel das Haus der Oberhofmeisterin („Grootjuffrouw“). Sie ist beauftragt mit der Verwaltung des Hofes. Seht typisch für einen Beginenhof sind die Konvente: sie sind Gemeinschaftwohnungen worin eine bestimmte Anzahl Novizen und minderbemittelte Beginen lebten und arbeiteten unter der Leitung einer Konventmeisterin. Wenn eine Begine endgültig im Hof angenommen war und falls sie über genügend finanzielle Mittel verfügte, konnte sie für den Rest ihres Lebens im Beginenhof ein Haus mieten oder kaufen. Nach ihrem Tode fiel das Haus zurück dem Beginenhof zu. Zu dem Beginenhofgelände gehörten weiter noch das Torhaus, das Pesthaus, das Waschhaus, die Stallungen, das Gehöft, die Brauerei, die Gärten und Wiesen. Die Pfarrerwohnungen waren an der Aussenseite des Hofes gebaut.

Traditionell wird das Jahr 1234 angenommen als Gründungsjahr der beiden ältesten Genter Beginenhöfe, obwohl dafür keine festen Beweise vorhanden sind. Das älteste Stück das sich auf den Sankt-Elisabethbeginenhof bezieht datiert erst von 1242, während für das Beginenhof Ter Hooie keine einzige Quelle bekannt ist vor 1262. Kurz vor 1278 wurde ein dritter Hof gegründet, das Sankt-Aubertusbeginenhof oder Poortakker. Diese drei Höfe wurden ganz besonders von den Grafen und Gräfinnen von Flandern unterstützt, und hatten vor allem der wirksamen Hilfe der Gräfinnen Johanna und Margaretha von Konstantinopel viel zu verdanken.

Aus der Zeit vor dem 16. Jahrhundert ist die Geschichte nur sehr schematisch bekannt. Während der Religionswirren der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die Beginenhöfe zwar beschädigt, aber nicht völlig zerstört. Im Anfang des 17. Jahrhunderts brach dann eine glänzende Blütezeit an. Die Anregnung der Kontrareformation erneuerten den ganzen Gebäudebestand. Auch noch im 18. Jahrhundert wurde in den Beginenhöfen fleißich gebaut. Dieser Blütezeit wurde ein Ende gemacht bei dem Anschluß der Südlichen Niederlande an Frankreich im Jahre 1795. Die Kommission der bügerlichen Wohltätigkeitsanstalten bekam die Verwaltung der drei Beginenhöfe. Im Anfang versuchten die Beginen sich möglichst gut zu behaupten. Es tauchten aber stets größere Schwierigkeiten auf, die das Weiterleben der Höfe ins Gedränge brachten. In 1861 wurde dass Sankt-Aubertusbeginenhof aufgehoben. In 1860 hatte man schon angefangen mit der Entmantelung und dem aufbrechen des Sankt-Elisabethbeginenhofes. Die Abtakelung resultierte in den Umzug, in 1874, der Beginen von Sankt- Elisabeth nach einem neu errichteten Beginenhof in Sint-Amandsberg, am Rande der Stadt. Der große Maecenas dieses Projekts war Herzog Engelbert von Arenberg, der ebenfals den Beginenhof Ter Hooie rettete indem er es von der Kommission der bürgerlichen Wohltätigkeitsanstalten abkaufte.

Gent nimmt zweifellos eine hervorragende Stelle ein in der Geschichte der Beginenhöfe. In Ter Hooie und in Sint-Amandsberg setzen bis heute noch einige Beginen die jahrhundertealte Tradition weiter. Jedoch stelt sich jetzt die unabwendbar werdende frage nach neuen sinnvollen Bestimmungen für das wertvolle Architekturpatrimonium der Beginhöfe.

Der Sankt-Aubertusbeginenhof wurde kurz vor 1278 gegründet für eine Anzahl von kranken und notleidenden Beginen die bis dann zerstreut in der Stadt wohnten. Die Geschichte des Hofes der ursprüngliche außerhalb der Stadtmauer des 12. Jahrhunderts (heute Oude Houtlei) erbaut wurde, nahm 1861 ein Ende. Die Gebäude machten Platz für einen neuen neogotischen Klosterkomplex, der 1873 zustande kam.nur einige seltsame Relikte, worunter eine Statue des Sankt-Aubertus (ca. 1260), einige Grabsteine und eine Inschrift, erinnern noch an diesem Beginenhof.

Der Sankt-Elisabethbeginenhof wurde 1242 gegründet im „Broek“, ein Sumpfland in der inmittelbaren Nähe des Brügger Stadttores. Die ganze Anlage atmet einen typischen Stadtbeginenhof auf, wobei die Kirche an einem zentralen Platz gelegen ist. Trotz eingreifender Entmantelung und vielfächtiger Neubau im späten 19. und 20. Jahrhundert, ist der Beginenhof aus seiner Blütezeit des 17. Jahrhunderts noch gut wieder zu erkennen.

Schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert verfügte dieser Hof über eine eigene Kirche mit Kirchhof. Das dreischiffige Gebäude, ursprünglich in einer Scheldegotik, wurde im 17. jahthundert in einer Barockkirche umgebaut. Trotz des ziemlich ausgesprochenen gotischen Anblicks, erweisen sich einige typische Barockakzente. Besonders das Portal, das Doxale und der aufgearbeitete Glockenturm können als vorzügliche Beispiele der lokalen Barockarchitektur bezeichnet werden.

Die Architektur des Beginenhofes widerspiegelt hauptsächlich den traditionellen Wohnhausbaustiel des 17. Jahrhunderts. Backstein kommt dort vor in Kombination mit Weißstein, der seinerseits angewendet wird für Tür- und Fensterumrahmung und bei dekorativen Teilen. Die Fassade ist meistens ein Schnauz- oder Staffelgiebel. Die Barockpforten, die damals Zugang bieteten zu den Konventen, formen die einzige mehr ausgearbeiten Akzente dieser im Grunde sehr einfachen gezohenen Architektur. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden geradlinig gezogenen und breiter gemachten Straßen eine Menge von Häusern, Gartenzäunen und Vorgärten geopfert. Die Proveniersterstraat hat aber ihre ursprüngliche Aussicht ziemlich unverletzt behalten. An der Ecke der Gravin Johannastraat mit dem Begijnhofdries befinden sich nog das Haus der Oberhofmeiseterin und der Krankensaal (Infirmerie) mit zugehöriger Kapelle, alle aus der Barockzeit. Im kleinen Park um die Kirche herum sieht man die Ecce Homo-kapelle aus 1793 und das denkmal für den berühmten Schriftsteller Georges Rodenbach, gemeißelt von George Minne. Das Eingangstor im Barochstil wurde 1879 niedergerissen und 1925 wieder aufgebaut als haupteingang des Bijloke-Museums an der Godshuizenlaan. Ein Spaziergang durch den vielen Gassen führt an vielen Konventen und Einzelhäusern des Sankts-Elisabethbeginenhofes entlang.

Der Beginenhof Ter Hooie wurde in der Mitte des 13. jahrhunderts gegründet im Weideland zwischen den Muinkmeersen und der Schelde. Als Anlange kann er ebenfalls ein typischer Stadtbeginenhof genannt werden, aber zweifellos wird man gerade hier die eigentliche Atmosphäre der alten Beginenhöfe weithin besser erfahren, weilder Hof seine geschlossene Struktur tadellos bewahrt hat.

Die erste Kirche, 1262-1263 erbaut, wurde mehrmals umgebaut, ziemlich gründlich im Anfang des 15. Jahrhundert und wieder im Anfang des 17. Jahrhunderts. Die hiesige Barockkirche wurde in zwei Phasen errichtet, in 1657-1671 und in 1715-1720. trotz der Unterbrechnung der Bauarbeiten, ergibt die Architektur eine große Homogenität und eine eindrucksvolle Harmonie. Zusammen mit der Abteikirche von Sankt-Peter, gehört diese Beginenkirche zu den Höhepunkten der Barockbaukunst in den Südlichen Niederlanden.

Die ganze Bebauung des Hofes wurde im Laufe des 17. und des 18. Jahrhunderts erneuert. Die Häuser wurden, genau wie im Sankt-Elisabethbeginenhof, erbaut mit Backstein und Weißstein, aber sie stellen einen anderen Typus da der traditionellen Genter Architektur aus der Barockzeit. Die Fassaden bezitzen stets eine waagrechte Dachleiste mit durchschnittlich zwei dachfenstern. Hohe Gartenmauer schirmen die Häuser von der Außenwelt ab. An einer aufgearbeiteten Pforte erkennt man die Anwesenheit eines Konvents.

Die Infirmeriekapelle besteht aus zwei Teilen, eine spätgotische Apsis (Mitte des 17. Jahrhunderts) und eine einschiffige Kapelle mit Fassade in Louis XIV-Still und mit Interieur in Rococo-Stil. Der Infirmerieflügel hinter der Kapelle kam 1781 zustande und ist typisch für die Louis XVI-Architektur. Im Garten hinter der Infirmerie befinden sich verschiedene Reste der Stadtumzäunung die am Ende des 13. Jahrhunderts an der Ssüdseite des Beginenhofes angelegt wurde. Das Haus der Oberhofsmeisterin umfasst zwei Flügel die 1661-1662 beziehungsweise 1738 gebaut wuden. Die Fassade ist representativ für die lokale Louis XIV-Architektur. An der Nordostzeite des Hofes sind einige Bleichweisen übriggeblieben. An der Ecke des Hauptplatzes befindet sich die Heilige-Grabkapelle. Diese kleine Barockkapelle wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut. Das hiesige Eingangstor in Empire-Stil ersetzt seit 1819 den früheren Zugang in Barockstil. Daneben befinden sich zwei Priesterhäuser, mit Fassade an der Lange Violettenstraat.

Der Beginenhof von Sint-Amandsberg ist die Forsetzung des alten Hofes von Sankt-Elisabeth in Gent. Er wurde 1872-1875 gebaut und ist ein unvergleichliches Totalkonzept aus der Neogotik, wobei neben der Gesamtanlage der Gebäude auch das Interieur und ein Teil des Mobiliars als ein Ganzes entworfen sind. Der Hauptarchitekt war Arthur Verhaegen, weil Baron Jean-Baptiste Bethune zuständig war für die Pläne der Kirche. Es handelt sich keinesfals um eine ganz neue bloße Kopie eines mittelälterichen gotischen Backsteinarchitektur entnimmt. Obwohl dieses neogotische Städtchen einen ziemlich strengen Anblick ergibt, entfaltet es ein äußerst variiertes Formenalphabet. Jede Beginenwohnung wurde anders ausgefasst. Das Konzept äußert sich weiter deutlich in der Kirche und in der Infirmeriekapelle. Zwei Torgebäude bieten Zugang zu diesem neogotischen Beginenhof, worin versucht wurde das Idealbild des mittelälterlichen Beginenlebens in Stein zum Ausdruck zu bringen.

Das Heilige Elisabethhaus

Die materielle und historische Erforschung eines Genter Privathauses ent­wickelte sich in jüngster Zeit auf Anregung der Zusammenarbeit dreier Stadtämter: der Dienst Stadtarcheologie, die Denkmalpflege und das Stadtarchiv. Eine Anleitung und zwei Vorlesungsreihen machten das große Publikum mit der Methodik bekannt. Die Häusererforschung fängt - auf Grund einer heutigen Parzellennummer - mit der Analyse gewisser (Vor)-Katasterquellen an. Dies führt uns direkt zu Informationen über Besitzer und Bewohner bis l672. Die Anwendung ergänzender Quellen, wie z.B. Grundschuldbücher, Inventarverzeichnisse, Schöffenakten, Bauanträge und allerhand Familiendokumente erweitert den Zeitraum nicht selten bis ins 14. Jahrhundert. Aus der Zusammenlegung der schriftlich belegten Tatsachen und derer der materiellen, bauphysischen Erforschung entsteht die Lebensgeschichte des privaten Wohnhauses. Das Elisabethhaus spie­gelt die gemeinsamen Anstrengungen zwölf begeisterter Freiwillenden wider.

Das Elisabethhaus, Rabotstraat 9 (Kataster Abt. 15, Sektion F, Blatt 25, Nr. 3288h) liegt nördlich der Kernstadt und entstand auf einem Gelände zwi­schen dem Elisabethbeginenhof (1242) und dem Hof ten Walle (1231), Residenz eines Burggrafen und später - als Prinzenhof - der feste Aufenthaltsort der Grafen von Flandern. Dieses Gebiet ist bekannt unter dem Namen 's Burggravengerechte. Die Burgstraat oder Borcstrate (1242) begrenzt es im Süden. Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurde es vom neu­angelegten Festungsgürtel um die Stadt umgeben. Das Haus lag an einem Platz, der - orthographisch sehr variiert - als Begijnendries angedeutet wurde.

Die ältesten Besitzer erschienen in einem Zinsbuch (1397-1450) der Abtei der Groene Briel. Simon de Mirabello, ein reicher italienischer Bankier, verschenkte den Hof ten Walle, sowie andere Eigentümer und Grundrenten aus der unmit­telbaren Umgebung (1340-1341) zur Gründung einer Viktorinerinnenabtei. Der Graf von Flandern forderte den Hof ten Walle als Residenz, so dass für die Abtei einen anderen Standort gekauft wurde: ein Haus auf dem Briel (1359). Unter den ältesten Besitzern fallen die Namen Simon uten Hove, Mitglied einer vornehmen Patrizierfamilie, und Jan Bracke, Münzmeister (1437) des burgundischen Herzogs Filips de Goede, ins Auge. Wir verrügen nicht über Baudaten mit Bezug auf die­sen ältesten Zeitraum. Wir wissen aber, dass das Elisabethhaus vrij huis vrij erf war; auf den Gebrauch dieser freien Grundstücke konnte die Stadt keine Grundsteuern erheben. Alle juristischen Transaktionen m.B. auf die Häuser vnj huis vrij a/wurden in einzelne Grundbücher eingetragen.

Das Elisabethhaus tritt mit Gillis van der Zwalmen, Vorsteher der Gerber und Mitglied des Magistrats (Mitte des 15. Jahrhunderts) endgültig in die Geschichte ein. Gillis van der Zwalmen war eine eher umstrittene Figur. In dem politischen Konflikt zwischen der Stadt und dem Herzog Filips de Goede, der mit der Niederlage der Stadt bei dem Slag van Gavere gesch­lichtet wurde, wählte er die Seite des Herzogs und mußte daher als 'Feind' der Stadt entfliehen. Mit Gillis van der Zwalmen begann ein Zeitraum von etwa 160 Jahren ununterbrochener Gerbertätigkeit in und um das Elisabethhaus mit seinen weiten Gärten und seinem Entwässerungskanal. In diesem langen Zeitraum kann man drei große Bauphasen aurweisen. Ein erstes Längshaus am Begijnendries bestand aus einer Bauschicht mit drei nebeneinanderliegenden Zimmern. Gegen die hintere Fassade (östlich) wurde ein erstes Querhaus aufgezogen, ein Zimmer groß. Die materielle Erforschung wies den Ansatz eines Spitzgiebels und dreier Kreuzfenster auf. Ein zweites Längshaus wurde neben dem ersten gebaut. Etwa 50 cm unter dem heutigen Bodenniveau entdeckte man einen roten Fliesenboden.

Ein späterer Besitzer, Jan van der Zwalmen, ging als 'Kollaborateur' mit dem calvinistischen Regime (1578-1584) in die Geschichte ein und beklei­dete ein Amt im Stadtdienst. Nach Ablauf dieses calvinistischen Abenteuers bekam sein Bruder Dominicus das ganze Haus. Die Betriebstätigkeit der Gerber endete mit dem Tod von Dominicus van der Zwalmen (l 612), als das Haus in die Hände der Kinder seiner Schwester Clara, Frau von Geeraert de Mey, überging.

Ein paar Generationen der Familie De Mey änderten die Funktion des Elisabethauses: in den nächsten hundert Jahren wohnten fast ständig Rechtsanwälte in dem Haus. Die Nähe des Berufungsgerichts im Gravensteen, des Raad van Viaanderen, mit seinem umfangreichen juristischen Apparat, wird dem nicht fremd sein. Das 'alte Haus', das mit der Ecke an das erste Längshaus grenzte und durch einen schmalen Durchgang damit verbunden war, stammt wahrscheinlich aus diesem Zeitraum. Man sieht es auf einem Bauantrag (1729) und auf einer Zeichnung (1879) des Zugangstors des Beginenhofs. In den Texten ist die Rede von den ouden bau und vom zijthuijs lancx den dries. Der größte Teil des Bauvolumens des alten Längshauses verschwand zugunsten einer neuen Konstruktion, des östlichen Querhauses, das zum Teil in das westliche Querhaus einge­baut wurde. In der gemeinsamen Zone wurde ein Durchgang kreiert. Im Jahre l6l7 wird in einer der Quellen die nieu camer erwähnt und aus etwa 1644 sind ein paar Baurechnungen überliefert worden. 1655 wurden auf Befehl der Schöffen Lindenbäume auf dem Begijnendries angebaut.

Nach mehr als zweihundert sechzig Jahren kam das Haus dem Geschlecht daer 'tvoornoemde huys uytgesproten is abhanden. Nach dem Tod des letz­ten De Mey (1713) wurde es an Glaude Francois van de Velde, wieder einen Rechtsanwalten, verkauft (1714). Der führte einen großangelegten Umbau (durch Baurechnungen und Inventarverzeichnisse belegt) durch. Der Bau eines zierlichen Gartengiebels mit salette oder Salon mit bemalten boiserijen oder Tafelwerken bildete eine der ausdrucksvollsten Veränderungen. Aus dem Inventarverzeichnis anlässlich des Todes seiner Frau Livyne Steuperaert, lernten wir den luxuriösen und feinen Geschmack der Bewohner des Elisabethhauses kennen. Nach seinem Tod wurde das Haus wegen der großen Verschuldungen sequestriert und (1729) verstei­gert.

Der neue Besitzer, Philippe van Breugel, aus Venlo (Niederlande) gebürtig, baute seine belebte Arztpraxis am Begijnendries aus. Er setzte die Verschönerung des Hauses fort und ließ ein Kutschentor (1729) und eine gloriette (Gartenpavillon) (1734) auf der Abzäunung errichten. Von beiden sind Bauzeichnungen überliefert worden. Das Inventarverzeichnis zum Tode seiner Frau Jacobe Le Roux, weist außer (wieder) einem luxuriösen Lebensstil auch wissenschaftliches Interesse auf: die medizinische Bibliothek und die Anwesenheit eines Barometers lassen darauf schließen.

1765 verkaufte seine Tochter das Haus an den Äbten der Abtei von Sankt-Adrian von Geraardsbergen. Der konnte nur kurze Zeit seine refuge oder Stadtwohnung genießen. Er starb 1768 und nach seinem Tode wurde das Haus vermietet. Zwei der Mieter haben wir tiefschürfend studiert: Pieter Francois Pycke, ein umstrittener Politiker und Rechtsanwalt Louis-Joseph Massez. Das Inventarverzeichnis zum Tode von Marie Therese Goetsbloets, Pyckes Frau, ermöglichte den Vergleich mit der Zimmereinteilung in frühe­ren Bauphasen. Einige Zimmer wurden en suite tapeziert: ein rotes Zimmer, ein gelbes Zimmer für den Hausherrn und ein blaues für Frau Pycke. Pycke machte Karriere als Ratspensionär bei den Staten van Viaanderen, Vorläufer unseres Provinzrates. Der Einsturz zweier Seeschleusen, die unter seiner Verantwortung gebaut worden waren, bedeutete das unrühmliche Ende sei­ner politischen Karriere. Er hinterließ eine stattliche Bibliothek mit 1425 Titeln.

Louis-Joseph Massez war der Mann eingreifender Umbauarbeiten. Aus den Baurechnungen stellte sich heraus, dass seine Aufmerksamkeit vor allem der Renovierung aller Fenster und der Wiederinstandsetzung der Dächer galt.

Während der französischen Vorherrschaft (1794-1815) wurde das Elisabethaus als Nationalgut - es war Abteibesitz - von dem Staat beschlag­nahmt. Einigen ehemaligen Religiösen gelang es das Haus mit ihren bons de retraite, einer Art Entschädigung für ihre finanziellen Verluste, zurück­zukaufen. Eine von ihnen war Constantia Cuyl, ehemalige Religiöse der Abtei von Oosteeklo, die testamentarisch ihre Hälfte des Hauses der Kirchenfabrik von Sankt-Elisabeth vermachte. Die andere Hälfte war von G. Bataille gekauft worden. Es gelang der Kirchenfabrik diesen Teil über seine Erben zu erwerben. Während kurzer Zeit (1810-1822) füllten die Stimmen junger Mädchen das Haus: Es wurde von einigen ehemaligen Ursulinen als Internat benutzt. Der Unterricht der Ursulinen hatte in Gent schon seit dem 18. Jahrhundert einen bewährten Klang, den sie hier nach der Französischen Revolution fortsetzen mochten. Ab 1822 wurde das Elisabethhaus Pfarrei und so blieb es bis weit in das 20. Jahrhundert.

Übersetzung: C. Soenen